In der Nähe

Hans-Jürgen begegnete mir im Treppenhaus. Einkaufstaschen links und rechts. Gefüllt mit Gemüse und Obst aus dem genossenschaftlichen Bioladen am Beginenhof. Seit der Impfung esse er gesünder, er habe 15 Kilo abgenommen. Gut reingekommen, fragte er. Ja, ganz sanft, selber, antwortete und fragte ich zurück. Entspannt und geradezu fließend, seine Antwort. Das Leben ist ein Fluss, in dem man nicht zweimal als derselbe hineinspringt, denke ich.

Wasser. Ur-Substanz. Wir alle sind Wasser, süchtig nach Mond. Unser Wille ist der Wind, unsere Emotionen wölfisches Heulen. Wir sind die Sehnsucht des Lebens, die sich in uns selbst, im Anderen und der Welt ertränken will.

Vor einigen Tagen sah ich aus dem Küchenfenster, dass die Mutter von gegenüber abgeholt wurde. Mit Notarzt und Sanitäter. Lebensretter und Verrückte. Ich sah sie eine Stunde vorher noch mit ihrem Rad fahren. Ihre Kinder sind äußerst witzig. Verhalten sich wie Kinder sich verhalten sollten. Ständig ins Spiel verschossen, fröhlich, traurig, schnell und langsam, laut und leise. Ihr Mann hat reichlich Startprobleme mit seinem Auto, ruft regelmäßig ein Taxi für die Starthilfe. Überbrückung. Frau und Mann sind Musiker und leben vom Unterricht. Seit die politischen Maßnahmen existieren, ist ihre Existenz bedroht. Die Impfungen halfen ihnen nicht. Politische Entscheidungen lassen sich nicht weg-spritzen. Kurzschluss. Überbrückung. Zwei Tage später sah ich sie wieder auf dem Rad, bleich und eingefallen ihr Gesicht.

Die maskierte Karikatur trug schwarz. Ein Mann, wie ein Junge. Seine Kleidung farblich irgendwie abgestimmt. Auch die Maske oder die Masken wird oder werden angepasst. Er versprüht den Charme eines 12Jährigen im pubertären Wachstumsschub. Sein Lachen laut. Mit den Nachbarn hat er kurze oder längere Unterhaltungen. Im Sommer sitzt er auf dem Balkon und hört Bier ertrinkend 80er oder Cypress Hill. Morgens fährt er mit dem Rad irgendwohin. Meist zur gleichen müden Stunde. Ich denke, zur Methadonvergabe bei Dr. Sommer. Danach schmeckt das morgendliche Bier wieder. Methadon soll super sein bei bestimmten Krebsarten. Leider ist es zu billig und die zuständige Industrie will lieber mit teureren Giften ihren Lebensunterhalt verdienen. Schade für die Menschen.

Im Treppenhaus. Ich gehe dem Paketboten entgegen. Die Nachbarin, eine liebe Dame in den Endsiebzigern, öffnet ihre Wohnungstür, auch sie bekommt Pakete. Umgehend rieche ich den Geruch aus ihrer Wohnung. Wir grüßen uns. Ich frage mich, ob die Menschen vom Pflegedienst hinter ihren Masken diesen Geruch nicht wahrnehmen. Der Geruch ist zum Weglaufen. Das finde ich traurig, ich würde hin und wieder gerne mit ihr reden. Dreimal schon rief sie um Hilfe ins Treppenhaus und ich bin zu ihr. Zweimal rief ich einen Krankenwagen. Einmal blutete sie am Kopf. Ihrem Sohn sagte ich damals auch bescheid. Sie verlässt seit etwa einem Jahr ihre Wohnung nicht mehr. In ihrer Wohnung läuft sie mit Rollator, der Teppich ist ständig im Weg. Pflegedienst zweimal am Tag. Notruf hat sie nun auch. Es kommt eine Dame, alle vierzehn Tage, die etwas für sie putzt. Der intensive Geruch wird davon nicht weniger. Sie hat außer diese, keine weiteren direkten Kontakte. Ihrem Sohn war es wichtig, dass sie sich impfen ließ. Sie wolle das eigentlich nicht, vertrug es jedoch wohl ganz gut, berichtete sie meiner Frau. Nun ist ihr Sohn beruhigt und sie sitzt alleine in ihrer Wohnung. Weihnachten auch, das zweite. Vor drei Wochen bekam sie ihre dritte Injektion. Seitdem baut sie ab, hat Herpes im Gesicht und wir hören sie husten, elendig husten. Ist aber gut zu wissen, dass der Sohn nun beruhigt ist, weil seine Mutter so gut in ihrer einsamen Wohnung geschützt ist. Gut zu wissen. Wenigstens ist es ihre Wohnung und sie muss nicht irgendwohin, wo sie nicht sein will.

Später am Tage treffe ich im Treppenhaus auf den Mieter von ganz oben links. Auch kurz vor achtzig. Sein Neffe kommt neuerdings einmal die Woche, hilft ihm hier und da. Vor einem Jahr noch, war der Herr meistens mit dem Rad unterwegs, nahezu täglich fuhr er auf seinem Damenrad zum nahen und ferneren Einkauf. Jetzt schleicht er mit einem Rollator, wohldosierte Beweglichkeit, dreimal wöchentlich zum naheliegenden Netto. Er klingelt gelegentlich bei der älteren Dame, sein Geruchssinn sei nicht mehr der Beste, erinnere ich mich seiner Worte. Husten höre ich ihn auch. Er wollte mir wieder etwas erzählen, aus der Zeit, als er bei der Bundeswehr war, hustete jedoch zu stark. Ich wünschte ihm gute Besserung weiterhin. Er hustet indessen seit über einer Woche. Letzten Monat berichtete er mir von seiner dritten Injektion und davon, dass die Menschen, die sich nicht impfen lassen, unsolidarisch seien. Er verglich das mit der Bundeswehr, da gab es es wohl solche, die nicht richtig spurten, ihr Glied nicht ausfüllten und damit den Zug in Schwierigkeiten brachten, woraufhin der Befehlshabende den gesamten Zug körperlich bestrafte. In seiner Welt, trägt der Soldat, der zum Außenseiter wird, weil er die Leistung nicht bringt, die erwartet wird, die Schuld an der Strafe. Schwarze Pädagogik, sagte ich. Ich glaube, wir Menschen lieben uns einfach nicht und kennen uns noch weniger, als wir uns nicht lieben. Wie auch? Haben wir ja nicht gelernt, konnten wir uns nicht abschauen. Unglaublich! Ich fragte ihn, wie oft er sich noch spritzen lassen wolle…Wieso?

Das junge Paar, Deutschtürken, wohnt seit etwa zwei Jahren gegenüber. Beide scheinen ängstlich zu sein. Oder haben den Wunsch, alles richtig machen zu wollen. Sie tragen auf der grünen Wiese und Bürgersteig Staubschutzmasken. Bei ihr gelegentlich auch farblich passend zur Bekleidung, ein Accessoire. Aufgeklärte Menschen aus dem Mittelalter. Ich frage mich, was würden wir mit Menschen machen, die mit einem Maschendrahtzaun versuchten, Fliegen zu fangen?

Beim Biosupermarkt am Kirchweg. Ein Mann, so um die 40 bis 50 Jahre alt, verrenkt sich beim Umgang mit dem Einkaufswagen. Seine Mission ist, den Griff nicht mit seinen Händen zu berühren. Er benutzt den Arm, also seinen Jackenärmel. Über der Staubschutzmaske befinden sich seine aufgerissenen Augen. Große Augen. Ängstliche Augen. Dieser Mensch hat Angst, denke ich und er tut mir leid. Ich halte Abstand, bleibe erst mal draußen stehen. An der Desinfektionsstation feiert er das Leben und sprüht alles ein. Ich warte bis die Dämpfe verflogen sind und tätige, was ich zu tätigen habe. Bei diesem über alle sinnvolle Maßen geratenen Gebrauch diverser Desinfektionsmittel, denke ich gelegentlich an das Antibiotika-Prinzip. Wie werden die vielgestaltigen Keime mit der Zeit darauf reagieren und wie wirkt sich das auf die menschliche Gesundheit aus, wenn nun ständig alles antiseptisch wird? Was macht das mit unserem Immunsystem? Es ist doch für unsere menschliche Entwicklung nicht unbedingt förderlich, im Antiseptischen zu leben. In den Kliniken klappt das ja auch nicht. Die Keime dort feiern ebenfalls das Leben und töten ziemlich oft, jährlich um die 20.000, schuldige und unschuldige schwankende menschliche Gestalten. Infektionen mit diesen Keimen gibt es weit mehr, man trifft auf Zahlen zwischen 400.000 und 500.000. So gesehen, sterben ja nicht viele an ihrem Hospitalbesuch, der Straßenverkehr ist allerdings sicherer. 1974 bekam ich eine Pockenimpfung, war oder ist immer noch Pflicht. Daran bin ich gestorben. Zum Glück gab es einen weiteren Versuch und ich überlebte das Sterben. Ich war nicht mal zwei Jahre alt und schon fast wieder tot. Warum? Wohl weil ich eine akute Infektion hatte und mein Immunsystem, das eigentlich ein ganz tolles System ist, war mit der anderen Infektion beschäftigt und so wirkte die minderwertige Pockenimpfung wie ein Gift.

2022 und irgendwie bin ich immer noch zwei Jahre alt.

Die Erde dreht sich weiter, unbesorgt. Und wir? Wir drehen uns mit, eher besorgt.

Weiter im Alltäglichen…

Heute stand ich an einer Straße. Winterliche Temperaturen. Ich brachte eine Tasche mit Lebensmittel zum Stadtgarten Lucie. Dort steht ein alter Kühlschrank. Menschen, die wollen oder müssen, können sich dort etwas abholen, das andere Menschen, die wollen oder müssen, dort zur Abholung bereitstellen. Dinge des Alltäglichen: Konserven, Getränke, Obst, Gemüse, Tiernahrung, Kleidung, usw. Einer der Herren, die dort in der Laube sich zum Trinken und sozialem Austausch treffen, kam und nahm die Tasche entgegen. Er bedankte sich. Ich bedankte mich bei ihm und wünschte einen guten Tag. Doch zurück, sonst verlieren wir uns im Belanglosen und hätten keine Worte mehr für das tatsächlich Belanglose, mit dem wir unsere Köpfe so gerne füttern.

Ich stand also an der Westerstraße und wollte diese queren. Ein Taxi fuhr langsam heran. Es saß eine Frau auf dem hinteren rechten Sitz. Ich konnte sie sehen, sie sah über ihre FFP2-Maske hinweg, durch das geöffnete Fenster, in meine Richtung. Also, sie sah mich nicht an, jedoch sah sie in die Richtung in der ich stand und ihr ängstlicher Blick ging in die Leere, die sich hinter mir wohl auftat und traf dort auf eine Furcht, ein Etwas in der Ferne, etwas Dunkles und Klebriges, eine Erinnerung aus einem anderen Dasein. Langsam fuhr der Wagen vorüber. Ein trauriges Bild. Sehr traurig. Ich dachte, ich versuche es sprachlich zu malen, was mir hier jedoch wohl nicht wirklich gelingen mag, da es mich selbst nach zwei Jahren gehäufter Regelmäßigkeit, immer noch trifft, wenn ich diesen Bildern begegne. So viel Angst. Ich erinnere mich an eine Anleitung zum Ängstigen, in der wurde dem Angstmacher geraten, er solle Bilder senden, die eine Ur-Angst der Menschen transportiert, so was wie Erstickungstod zum Beispiel. Daraufhin springt mir eine Überschrift ins imaginäre Blickfeld: 6.200 genuin an C19 verstorbene Menschen in fast zwei Jahren in England und Wales. Was mag das bedeuten? Das imaginäre Bild zeigt noch etwas, es ist die offizielle Seite des Office for National Statistics. Also, was soll das bedeuten?

Ein Anruf bei einem Freund. Die Mutter seiner Frau. Einen Augenblick lauschen. Schluchzen. Seine Frau weint, ihre Mutter weint. Das passiert selten. Seine Frau berichtet, ihr Bruder sei im Krankenhaus. Er hatte Herzbeschwerden und es wurde ein 24 Stunden EKG gemacht. Mit dem Gerät sei er ins Krankenhaus und dort wurde es ausgelesen. Es gab Auffälligkeiten. Er solle über Nacht dort bleiben. Heute kam die Nachricht, dass er irgendwelche Kalkablagerungen am Herzen habe. Das Blut werde nicht richtig transportiert. Es könne operativ behandelt werden. Nächste Woche sei der Termin. Adern oder Arterien müssten verlegt werden, damit die Durchblutung wieder reibungslos funktioniert. Der Bruder seiner Frau ist 57 Jahre alt. Die Ärzte sagen, wenn er 80 oder älter wäre, würden sie die OP nicht mehr durchführen. Eine OP am offenen Herzen. Er hat das Glück, dass seine Frau eine gute Medizinerin ist und Unstimmigkeiten in seiner Atmung feststellte, so sei der Zustand früh genug erkannt worden. Er könne bis zur Operation daheim bleiben, solle sich schonen und müsse nun auf ärztlichen Rat hin, Diät halten. Übergewicht ist ein großes Problem.

Auf dem Heimweg erinnere ich mich an das kleine Schild in meinem liebsten Teeladen:

Achtung: Leben gefährdet die Gesundheit.

Das Husten der Dame aus der Wohnung unter uns, hat gänzlich nachgelassen. Ich habe vor einigen Tagen für sie Brot gekauft. Sie sah gut aus. Wieder frischer. Der Geruch? Naja, wie gehabt. Vielleicht ist es gerade dieser Geruch, oder das, wodurch er entsteht, was sie lebendig und abwehrstark hält. Sicherlich ist er ein Moment, der das Zu-Nahekommen von Menschen erschwert. Was gelegentlich von Vorteil sein kann. Ist wohl Biografie abhängig. Im Grunde, wissen wir nichts. Wir Menschen, die wir hier auf der Erde taumeln und einen Koffer voll mit fragwürdiger Ethik schwenken und ihn gelegentlich irgendwo abstellen, wo er als verkappte Bombe die Anderen in Aufruhr versetzt, bis ein Jemand sich traut, den Koffer zu öffnen und nur schmutzige Wäsche vorfindet und damit wedelt. Dann: Tiefes Durchatmen und entspannen. Meine Frau sagt in solchen Situationen gerne ein Zitat auf, welches wohl von Salvador Dali stammt: Man muss die Menschen mit ihren Exkrementen lieben. Wenn schon, denn schon! Ich weiß nicht und will es auch gar nicht wissen, ob sie Recht hat, finde die Idee jedoch gelegentlich tröstlich.

Den Herrn von oben links habe ich seit sieben oder acht Tagen nicht gesehen oder gehört. Husten höre ich ihn nicht mehr. Licht brennt am Abend und Fenster öffnen und schließen sich und ich glaube, sein Neffe war bei ihm.

Am Freitag wurde die Mutter von gegenüber wieder mit einem Krankenwagen abgeholt. Diesmal konnte sie eigenständig die acht Treppen nach unten gehen. Die Liege stand vor der Tür. Unten angekommen, legte sie sich darauf. Sie bekam eine Maske aufgesetzt, mit Sauerstoffversorgung. Ihr Mann stand oben auf dem Balkon und sah runter. In der Wohnung hinter ihm, die gemeinsamen Kinder. Ich glaube, er hat mit dem Rauchen angefangen.

Einige Tage später, sah ich sie wieder mit ihren Kindern spazieren.

Wenn ich diese von mir geschriebenen Sätze so durchlese, um Rechtschreibfehler zu finden oder Formulierungen anzupassen, immer und immer wieder, denke ich, was können die Lesenden denselben entnehmen? Sagen sie etwas aus? Ist das Geschriebene wert, es zu teilen? Ich denke dann, warum nicht? Das ist doch genau das, was Schreibende praktizieren. Die Lesenden müssen dann selber sehen, was sie damit anstellen. Es sind Situationen, Bilder, Medieninhalte, usw., die ich beschreibe, nachdem ich sie wahrnehme. Interpretationen einer sich mir darbietenden, von mir geordneten oder ungeordneten Realität. Niemand außer mir, würde das in dieser Weise formulieren. Der Fokus ist rein subjektiv und manches auch fiktiv, in diesem Fall allerdings nicht sehr viel, zur Dekoration hinzugefügt. Es sind die verschriftlichten Gedanken eines Menschen, der auf der Suche sich befindet. Im Wesentlichen sind wir doch alle Suchende. Suche nach was? Sich selbst? Vielleicht Wahrheit, vielleicht Sinn. Vielleicht die Suche nach der Bedeutung dessen, was hinter den Bildern und Worten steht. Hinter den Worten? Ja, hinter den Worten! Was bedeutet es denn für eine Gesellschaft, wenn Begriffe wie, nur so als Beispiel, Solidarität neu gedeutet werden? Weiß noch jemand, was das im Ursprünglichen aussagt, dieses schöne Wörtchen? Das Wort klingt für mich nach Gemeinsamkeit, miteinander und Zusammengehörigkeit, Unterstützung, etwas Gutes für die Anderen tun, Freiwilligkeit. Hier liegt die Betonung auf etwas Gutes. Eine, für die persönliche Lebensweise des Einzelnen, fragwürdige medizinische Behandlung, kann nichts Gutes für die Anderen sein. Die Aufopferung des Individuums für die Anderen, hat nie funktioniert. Solidarität schließt übrigens auch den Zwang aus. Jemand, der aus einem Zwang heraus etwas tut, kann nicht solidarisch sein. Solidarität ist also zwingend freiwillig. Es sollte auch nicht zur Separation innerhalb der Gesellschaft benutzt werden. Und somit, wenn dieses Wort auf eine einzige mögliche Handlung ausgerichtet wird, ist es inhaltslos geworden. Dem Sinn entleert, auch weil es niemals in einer demokratischen Gesellschaft möglich sein wird, dass Alle die gleiche Handlung vollziehen können oder auch wollen. Ist auch gar nicht notwendig. Darin, dass alle das gleiche machen, liegt kein Glück. Das Glück liegt in der Vielfalt, auch wenn es ein erstrebenswertes Ziel ist, sich emphatisch verbunden zu fühlen. Da schreibt uns die Geschichte ja nun einige Briefe und Postkarten, die wir nur mal lesen sollten. Wenn dann noch dazu kommt, dass diese Handlung gar nicht objektiv messbar der Allgemeinheit (Solidargemeinschaft) dienlich ist und sie dennoch forciert wird, sind wir irgendwo angekommen, wo die demokratische Verfasstheit der Gesellschaft keinen Einlass mehr hat. Warum auch immer.

Und die Einschläge kommen näher und werden immer lauter…und dann kann ich die Prosa auch mal zur Seite legen, weil etwas anderes sich Bahn bricht, eine Art Aufschrei, Polemik. Wer das nicht lesen will, sollte hier einfach abbrechen, es wird blutig.

Eine Freundin rief an und berichtete von ihrer Tochter, um die 23 Jahre alt. Diese befindet sich im Endstadium ihrer Ausbildung bei einer hiesigen großen Krankenkasse. Vor drei Wochen habe es in ihrem Großraumbüro einen Notfall gegeben. Eine 28Jährige Kollegin sei kollabiert und musste mit Krankenwagen abgeholt werden. Sie sagte, die hustete so stark, dass sie dachte, sie hustet ihr Herz aus. Ist wohl so eine Redensart. Am Tag zuvor bekam sie übrigens ihren Booster. Das sind Bilder, das sind Informationen, die vergisst man gerne wieder. Schnell! Vor allem dann, wenn man selbst auch merkwürdige Blutungen habe und die Menstruation nicht mehr komme, berichtete die Tochter weitergehend ihrer Mutter. Und nicht nur sie, bei ihren Freundinnen sei es ähnlich. Eine hat irgendwelche Wasserablagerungen, zwei seit dem Booster keine Monatsblutungen mehr. Alle fühlten sich krank und fragten sich, was hier los sei. Sie wollten doch nur teilnehmen: Disko, Casino, Ruhe auf der Arbeit, etc. Die Krankenkassen rufen auch auf dazu, sich das anzutun und verkaufen es als solidarischen Akt, gegen jede Evidenz, in religiöser Verzückung.

Und jetzt erinnere ich mich gerade, davon habe ich schon mal gehört. September 2021 Eine Freundin aus Oldenburg berichtete von ihrer Schwester und deren Tochter. Ebenfalls Menstruation verschoben und nicht zu erklärende Blutungen. Ebenfalls Booster. Aber daran darf es nicht liegen. Natürlich nicht! Man weiß es ja auch nicht. Ist aber schon komisch.

Und wo ich schon mal in Fahrt bin, fällt mir auch Thomas ein, 56 Jahre alt. Der hatte sich im letzten Jahr Ende Juli eine Dosis J+J abgeholt. Vier Tage später bekam er einen Schlaganfall. Wohl nur einen kleinen, er brauchte ja nur acht Wochen, um wieder einigermaßen laufen zu können. Reha hatte er in Oldenburg, im Städtischen Klinikum Kreyenbrück. Die kratzten ihre Häupter über denen die Fragezeichen nur so kreisten. Einer macht Meldung beim PEI. Dann behandelt ihn eine andere, eine Neurologin, die sagt, nein, das könne keine Nebenwirkung der Impfung sein. Ist zwar eine offiziell genannte seltene Nebenwirkung, aber es darf einfach nicht sein, weil die ja selten sein soll und dieser Herr hier schon der 16. im Städtischen war, seit Beginn der Behandlungen. Anfang Januar war er bei uns zum Essen, gerade, als er wieder in der konsumentenfreundlichen App, als ungeimpft galt. Dankeschön!

Zurück zur Prosa und eigentlich war das Letzt-Geschriebene keine Polemik, sondern eher ein Abhusten. Verbrechen in Echtzeit und wir schauen zu, wie die Verbrecher sich selbst feiern.

Heute wurde ein Baum gefällt. Der eigentliche Vorgang der professionellen Niederstreckung dauerte vielleicht fünf Minuten. Eine Linde, die stets im Frühling blühte und froh ihr Blätterkleid bis in den Herbst zur Anschauung und allgemeiner Freude der Betrachtenden trug. 30 Jahre wurde sie alt. Eine treue Genossin der letzten sieben Jahre, irgendwie auch fast eine Mitbewohnerin, war sie uns. Ihre Krone auf Höhe unseres Wohnzimmerfensters. Eichhörnchen, Meisen, Mönchsgrasmücken und diverse andere Vögel, schauten von ihr aus, uns auf den Tisch. Tauben brüteten auf Sichthöhe. Nachts war einmal ein Marder auf ihren Ästen zu Besuch. Obdachlose Elstern schliefen gelegentlich auf dieser Linde, auf der Seite, welche zur Häuserwand zeigte. Ihr Wuchs war besonders. Sie malte ihren Stamm fast konisch. Auf der einen Seite, die zu den Wänden, war der Stamm hohl und von Pilzen bevölkert. Zum Ausgleich, um das Umfallen zu verhindern, bildete der Stamm Holz und Borke in die Breite und wurde dicker und dicker und wäre auch noch dicker geworden.

Vorbei…

Übergang oder Tod?…und mit den gesamten Unsicherheiten dieser Zeit, erschien mir dieser Verlust zuerst unerträglich. Mittlerweile sehe ich es als Zeichen, dass das alltäglich Städtische gerne bald hinter mir liegen darf.

Ich blicke aus dem Fenster. Fünf Polizisten, zwei weiblich, drei männlich, stehen maskiert im Halbkreis um einen unmaskierten Herrn. Der Herr scheint mir so um die 30 irgendwas zu sein. Er blickt auf sein Smartphone, scheint darin etwas zu suchen, auf das die ihn Umzingelnden warten. Einer der Uniformierten niest, die Staubschutzmaske bleibt im Gesicht. Ich höre Bill Callahans melancholische, tröstliche Stimme und denke, wir suchen Alle irgendwas und anscheinend wartet auch immer jemand. Bisweilen auch einer, der niest. Mein Blick schweift ab. Die Aufmerksamkeit sucht sich ein anderes Opfer. Auf der Wiese liegen wieder gefüllte Mülltüten, teilweise bereits von der hiesigen Krähengang und ihrer Schwestergang, die der Elstern, zerrissen. Häufiger bietet sich in den letzten Jahren dieses Bild. Wilde Müllkippen türmen sich auf. Besser: Werden scheinbar orgiastisch aufgeschüttet. Hier bei uns geht es noch. Eine Straße weiter, der Kirchweg, ist mittlerweile eine Allee des hemmungslosen sperrmüllbergebauenden Volkes. Auch andere Müllarten sind willkommen. Tütenweise oder gleich der gesamte Inhalt einer Dreizimmerwohnung. Einer wirft etwas hin und eine andere fühlt sich eingeladen, ein wenig dazu zu werfen. So bilden sich Parallelgesellschaften und so entstehen rattige Inseln aus Wegwurfkonsumgütern garniert mit feuchten und trockenen Nahrungsmittelresten. Konsum ist geil! Je mehr die Menschen haben, desto mehr werfen sie weg und je weniger sie das, was sie haben, besitzen, desto weniger Verantwortung übernehmen sie für das, was sie da haben und entsorgen müssen. Sie legen es den anderen vor die Füße, wie andere ihre Meinungen als die letzte Wahrheit in die Welt schmeißen und nicht bereit sind, Verantwortung für das Übermittelte zu übernehmen, wenn es mal nicht die Wahrheit war, aber als Wahrheit deklariert wurde. Beides ist grausam und dumm genug. Obwohl, eigentlich auch menschlich. Liegt es daran, dass wir so kapitalistisch abgerissen sozialisiert werden? Sind die Medien schuld? Ist es der oder die Einzelne? Brauchen wir einen neuen Krieg, um unseren Sinn für Konformität zu schulen? Ach, den haben wir ja schon und Konformität üben wir ja derzeit wie die Pest. Der Mensch kann nicht, nicht konsumieren, dachte oder las ich einst. Ist zur Hälfte geklaut, von Paul Watzlawick, der meinte jedoch die Kommunikation. Das andere Bild, das mit den fünf Polizisten, verändert sich gerade in dem Augenblick, als ich mich aus meinen Fantasien über die Gesellschaft der Aufschüttenden löse. Eine Krähe saust nieder und reißt mittels schwarzen Schnabels, dem Polizisten, der nieste, die Staubschutzmaske herunter. Das sorgt für einige Verwirrung. Die vermeintlich clevere Krähe ist schnell wieder außerhalb der Armlängenreichweite. Der Mann, der von den Polizisten umzingelt wurde, greift sich in den Hosenbund seiner Rückseite, zieht eine automatische Knarre hervor und schießt zweimal auf die Krähe. Diese fliegt durch die Luft und klatscht tödlich getroffen auf den Asphalt. Er eröffnet das Feuer auf die Uniformierten. Bevor er den dritten Polizisten erschießen kann, werfe ich einen Blumentopf, mittlerweile auf dem Balkon stehend, auf ihn und dieser landet ihm genau auf den Kopf. Ich rette dadurch drei oder noch mehr Menschen das Leben. Da ich keine Lust auf Formalitäten und Heroisierung verspüre, habe ich mich natürlich sofort nach dem Wurf geduckt. Ich krieche in die Wohnung zurück, schließe die Balkontür und höre Bill Callahan zu und harre der Dinge, die da kommen mögen. Während ich warte und Musik höre, denke ich über das Wesen der Wahrheit nach. Damit habe ich auch erst mal genug zu tun.

Wahrheit. Die Wahrheit ist eine schwer zu erzählende Geschichte. Es gibt sicherlich so eine Art geschichtliche Wahrheit. So in dem Sinne, dass, wenn etwas als Geschichte vor uns liegt, wir mehr Informationen haben und uns mittels dieser, der Wahrheit besser annähern können. Ich bin darauf gespannt, wie wir in der Zukunft die vergangenen zwei Jahre betrachten werden. War es vielleicht gar nicht nötig, dass Menschen ihre Arbeit verloren? War es vielleicht gar nicht nötig, dass wir Angehörige einsam haben sterben lassen? Vielleicht waren auch die Masken nicht notwendig? War es nicht nötig, Angst zu verbreiten? War es nicht nötig, Menschen zu beschimpfen? Hätten wir keine Angst, um uns selbst zu haben brauchen? ….und so weiter…

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